Versucht man die "Top Five" großer Oratorien für Chor und Orchester zusammenzustellen, wird ein Werk immer wieder genannt: das "Deutsche Requiem" op.45 von Brahms. Im Gegensatz zu den Requiem-Vertonungen anderer Komponisten ist es keine düstere Totenmesse, die das trauernde Gedenken an die Verstorbenen in den Mittelpunkt stellt. Brahms suchte die Texte zumeist aus dem Alten Testament der Heiligen Schrift zusammen und stellt den Gedanken des Trosts der Hinterbliebenen in den Mittelpunkt.

Brahms hatte sich vor der Komposition auch intensiv mit der Musik alter Komponisten wie Heinrich Schütz oder Georg Friedrich Händel beschäftigt. So finden sich in zwei Sätzen großformatige Fugen wieder, die er in der alten Musik so bewunderte. Der Chor singt vierstimmig und ist fast pausenlos Träger des Geschehens. Mit dem großen symphonischen Orchester wird eine Vielzahl von Stimmungen zwischen dunkler Grundierung und rhythmischen Ausbrüchen aufgebaut. Virtuosen Glanz setzen zwei Solisten (Sopran und Bariton); sie singen, anders als in barocken Oratorien, keine Arien, sondern sind Teil der Gesamtarchitektur.

 

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»Ich bin ganz und gar entzückt von Deinem Requiem, es ist ein ganz gewaltiges Stück, ergreift den ganzen Menschen in einer Weise wie wenig anderes.«

So schrieb Clara Schumann 1867 tief beeindruckt an den befreundeten Komponisten Brahms über sein neues Werk. Außergewöhnlich ist, dass der protestantische Brahms in seinem Deutschen Requiem nicht die üblichen lateinischen Messtexte verwendet, sondern selbst gezielt Bibelstellen aus dem Alten und Neuen Testament der Lutherbibel auswählt. In sieben großen Abschnitten werden die Sterblichkeit des Menschen und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod thematisiert. "Ewige Freude ..." steht als mehrfach wiederholte Aussage am Ende des zweiten Satzes, wahrhaft ungewöhnlich für ein Requiem! Dies soll insbesondere den Hinterbliebenen Trost spenden. Die in deutscher Sprache vertonten Texte sprechen Sänger und Hörer dadurch unmittelbarer an als die lateinische Liturgie der katholischen Totenmesse.

Johannes Brahms wendet sich in seiner Komposition ganz klar von der Tradition der lateinischen Requiems von Mozart, Dvorak, Verdi oder Fauré ab, welches in seiner festgelegten Liturgie um die alsbaldige Erlösung des Verstorbenen bittet. Sein Deutsches Requiem könnte man eher als eine musikalische Meditation über den Tod empfinden, nicht gebunden an einen einzelnen Trauerfall und eben darum für jeden ein Angebot, sich mit den »letzten Dingen« auseinanderzusetzen.

Wikipedia bietet - wie fast immer - einen äußerst interessanten und umfangreichen Artikel zu Brahms und das Deutsche Requiem, der Einsteiger wie Kenner mit musikhistorischen und Kompositions-Details bestens informiert.

 

Neugierig geworden auf mehr?

In der Zeitschrift FONO FORUM (11/2015) beschreibt Christoph Vratz viele weitere Aspekte des Requiems und stellt eine große Zahl der derzeit verfügbaren Aufnahmen des Werks vor. Bei weit über 100 Veröffentlichungen in den letzten fünfzig Jahren keine Kleinigkeit! Im Login-Bereich finden Chormitglieder weitere Infos zum genannten Artikel.

Meine Lieblings-CDs (jeweils Dirigent/ Jahr/Solistin), neben den Favoriten von Chr. Vratz:

CD IMAG0183 200
  • Gardiner / 1990 / Margiono: moderne Aufnahme mit (kleinerem) Klasse-Chor und -Orchester, mit <10€ "best value for money" (alternativ: Gardiner liefert in seiner sehr guten neueren (Vollpreis-) Aufnahme von 2008 noch zwei Schütz-Motetten mit deutschen Requiem-Texten dazu)
  • Herreweghe / 1995 / Oelze: eine faszinierende Alternative, beste Textverständlichkeit, etwas weniger emotional, ab 12€
  • Abbado / 1992 / Studer: beeindruckend hochromantischer Konzertmitschnitt - großes Orchester, 2 schwedische Spitzenchöre, einstudiert vom legendären Eric Ericson! Derzeit offenbar nur im Vollpreis angeboten.
   

Mit der Verwendung frei gewählter Texte beginnt Brahms eine Entwicklung, die in der Spätromantik und Moderne zu Requiem-Vertonungen mit neuen Texten und zu Gunsten immer stärkerer symphonischer Behandlung des großen Orchesterapparates führte. Beispiele sind das späte Requiem von Max Reger auf einen Text von Hebbel oder das "War Requiem" von Benjamin Britten auf Texte des Engländers Wilfred Owen. Diese Werke sind ausschließlich als Konzertmusik konzipiert. Seit dem 20. Jahrhundert schwindet die Bedeutung des Requiems als liturgische Komposition weiter; bedeutende Vertonungen werden im Eindruck des Zweiten Weltkriegs unter anderen von Boris Blacher, György Ligeti, John Rutter oder Krzysztof Penderecki geschaffen.

Eine Sonderstellung nimmt das "Requiem für einen jungen Dichter" von Bernd Alois Zimmermann auf Texte verschiedener Dichter, Berichte und Reportagen ein. Zunehmend erscheinen Kompositionen ohne Text mit dem Titel Requiem, wie das von Hans Werner Henze, welches in Form von neun geistlichen Konzerten für Klavier solo, konzertierende Trompete und großes Kammerorchester gesetzt ist.

Sehr beeindruckend: das Requiem des britischen Komponisten Andrew Lloyd Webber ("Phantom of the Opera") wurde im Jahre 1986 mit dem Grammy Award für die beste klassische zeitgenössische Komposition ausgezeichnet und wurde um 1990 oft aufgeführt.

 
   

 

 

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